Ulrich Küstner (2019) Der andere Ort

Ulrich Küstner im Tara-Rokpa-Magazin Nr. 13/2009

 

 Malerei ist Ankommen an einem anderen Ort.”    Franz Marc (1880 – 1916)

Was mich am freien Malen fasziniert, sind nicht nur die Werke, die Bilder. Was mich daran zutiefst berührt, ist unabhängig von dem, was entsteht; unabhängig von dem, was uns die Bilder zeigen. Es ist der besondere Raum, in dem es stattfindet – nicht ganz außen, und nicht nur innen.

In unserer Tara Rokpa-Arbeit gehen wir oft hin und her zwischen zwei Polen: Innen und außen, ich und die anderen, subjektiv und objektiv, Sagbares und Un-Sagbares, Traum und Wirklichkeit.

Aber im Malen sind wir weder im einen noch im anderen!  Wir sind an einem dritten Ort.

Einem Zwischen-Raum.
Einem Spiel-Raum.
Einem Möglichkeits-Raum, der Spielraum gibt.

Dieser Raum ist derselbe, in dem auch das Spielen der Kinder geschieht. Das freie Malen ist Spiel. Das Spiel der Kinder ist etwas ganz Außergewöhnliches. Es ist ein Geisteszustand, ein innerer Raum, der mit nichts anderem vergleichbar ist. Er gibt Freiheit und Möglichkeiten. Er bringt uns “Zurück zu den Anfängen”, zum Anfängergeist, der immer neue Wege möglich macht. Im Malen erleben wir die wunderbare Kombination aus Konzentration, Ernst, Hingabe, Spaß, Fantasie, Kreativität und Probehandeln, die das Spiel der Kinder auszeichnet. Dieser Zustand, dieser Ort, gibt Frische, Unvoreingenommenheit und offene Beweglichkeit.

Vom Spiel zur Realität

Der englische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott (1896–1971) hat diesen Raum wunderbar beschrieben. Winnicott war ein Pionier der Kinderpsychotherapie, der besonders bekannt wurde durch seine Arbeit zu den Übergangsobjekten. In seinem letzten Buch Playing and Reality (1971) (dt.: Vom Spiel zur Kreativität) beschreibt er auch diesen Zwischen-Raum, diesen Übergangsraum, und trägt damit zu unserem Verständnis des freien Malens bei Tara Rokpa bei.

Foto von Petra Niehaus

Das Spielen kleiner Kinder zeichne sich durch eine besondere Art von Vertieftsein aus, ein „Zustand gleichzeitiger Nähe und Zurückgezogenheit“, so schreibt Winnicott. Dieser Zustand ähnele der Konzentration bei älteren Kindern und Erwachsenen.
Der Bereich des Spiels ist nicht Teil der intrapsychischen Realität. Er liegt außerhalb des Individuums, ist aber auch nicht Teil der äußeren Welt – ein intermediärer Raum. In diesem Zwischenraum treffen sich Objekte und Phänomene aus der äußeren Welt und Vorstellungen aus der inneren, persönlichen Realität. Wir unternehmen das Wagnis, Inneres/Subjektives und Äußeres/Objektives zusammenwirken zu lassen. Mit der aufregenden Möglichkeit, beide zu integrieren.

Spiel ist scheinbar bedeutungslos. Es ist der Ort, an dem “Unsinn” geschehen darf, der blühende „Unsinn, der die Geistesverfassung eines Menschen in Ruhe kennzeichnet“ (Winnicott). Ohne dass Therapeuten gleich einen Sinn finden müssen, wo keiner ist.

Dennoch geht es dabei auch um die wichtigste aller Fragen: Was ist die Wirklichkeit? Für uns Menschen als Philosophen, als Forschende, ist dies eine zentrale Frage – was ist real. Gibt es eine Realität? In der buddhistischen Philosophie verbringen wir lange Zeit damit, ein Verständnis für die Wirklichkeit aufzubauen, um es dann wieder zerstören zu können. Es bleibt – das Absolute. Das Unsagbare.

Im Vertieftsein im Spiel, im Malen, bleibt die Frage nach der Realität in der Schwebe. Der Raum des Malens, des Spiels, erlaubt uns, beide Pole zu integrieren. Im Staunen, in der Verwunderung.

Dort, in dem, was wir Kreativität nennen, ist der Ort, an dem Kultur entsteht.

An den anderen Ort gehen

Wie kommen wir an diesen anderen Ort? Wenn eine Tara Rokpa-Gruppe eine Malaufgabe gehört hat, dann gibt es oft einen wunderbaren Moment der Leere. Keine Reaktion. Es ist der Moment, in dem versucht wird, die Aufgabe mit dem Denken zu begreifen und umzusetzen. Aber dann geschieht etwas ganz Besonderes. Stifte und Pinsel werden ergriffen, und plötzlich sind alle vertieft in einen Raum, in dem das gedankliche Verstehen der Aufgabe keine Rolle mehr spielt.

Auch wenn wir viel in der Gruppe malen, geht es – an dieser Stelle – nicht um Gemeinsamkeit. Sondern um das Wagnis, allein zu sein mit anderen. Viele haben das nie erlebt. Das Malen ist nicht nur eine neue Art, Dinge zu verarbeiten – es ist eine andere Art, mit anderen zu sein. An einem anderen Ort.

Irgendwann erreicht das Spiel, das Malen, einen ihm eigenen Sättigungspunkt, der auf der Fähigkeit beruht, Erlebnisse zu bewahren. Das Spiel ist zu Ende, das Bild ist fertig. Spielen ist etwas grundsätzlich Befriedigendes. Was dort geschieht ist immer bereichernd – nicht durch seine Produkte, sondern durch das, was dieser Raum uns gibt – das reine Empfinden, als Mensch zu existieren.

Auch als Erwachsene können wir in diesen Zwischenbereich wieder eintreten.

Aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass die Mutter diesen Raum schützt und die äußeren Anpassungsfunktionen für uns übernimmt. Zu einem Teil machen das bei Tara Rokpa die TherapeutInnen. Aber wir müssen auch unser eigener Erwachsener sein, und diesen Bereich selbst schützen.

Schützen einerseits vor zu viel Erregung, zu viel Gier, zu vielen kleshas – “die Triebe sind die größte Bedrohung für das Spiel und das Ich”, sagt Winnicott. Der Zwischenraum braucht die Schwebe.

Aber schützen vor allem auch vor der Ablenkung. Das Unsagbare ist weg, sowie wir es aus den Augen lassen. Unsere Kunsttherapeutin Carol Sagar erzählte vom geheimnisvollen Fisch der Kreativität: Manchmal taucht er unverhofft aus der Tiefe auf, aber wenn wir einen Moment nicht aufpassen, glitscht er uns aus den Händen und verschwindet wieder in der Tiefe.

Aber wir können ihn wiederfinden: im Vertieftsein des Malens, im intermediären Raum des Spielens.

Malerei ist Ankommen an einem anderen Ort.

 

[Beitragsbild: Franz Marc, Fresko https://commons.wikimedia.org/wiki/File:FrMarcHirsche.jpg]