Inneres und äußeres Gleichgewicht

Elemente-Arbeit und Ökologie

Vortrag von Claudia Wellnitz

in der Reihe „Tara Rokpa kennenlernen“, 18. Feb. 2021

 

Unter den ersten meditativen Betrachtungen für Neueinsteiger in den Tara Rokpa Prozess finden sich die Elemente-Übungen. Nach einer kurzen theoretischen Einführung, in der die Eigenschaften der Elemente erörtert werden, befassen die TeilnehmerInnen sich mit Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, so wie sie in der Natur vorkommen. Wann immer möglich wird im Freien geübt: Man setzt sich auf die Erde, berührt und riecht sie, man hält sich neben einem Fluss oder einem See auf, um die Bewegungen des Wassers zu betrachten, man zündet ein Lagerfeuer an, geht an Orte, an denen ein Luftzug zu spüren ist und schaut in den offenen Raum.

Ich möchte hier nicht die genauen Anleitungen für die Tara Rokpa Übungen wiedergeben, sondern eher allgemein über die Elemente selbst und über die Nützlichkeit der Beschäftigung mit ihnen in unserer gegenwärtigen Zeit sprechen. Die Pandemie zwingt uns einerseits eine noch unnatürlichere Lebensweise auf, als wir schon gewohnt sind – verbringen doch viele von uns viel zu viele Stunden mit digitalen Medien und der nährende Aspekt sinnlicher Erfahrungen fehlt uns mehr und mehr – andererseits lenkt sie die Aufmerksamkeit auf das globale ökologische Ungleichgewicht, das eine ihrer Ursachen ist.

Die Beschäftigung mit den 4 oder 5 Elementen ist Teil vieler alter Traditionen, beispielsweise des Schamanismus, der Astrologie, der Naturheilkunde in Ost und West und des buddhistischen Tantra. Diese Betrachtungsweise gibt uns etwas: In einer sehr komplexen Welt können wir erlernen, Situationen zu begreifen, indem wir uns auf wenige Grundprinzipien konzentrieren. Das ermöglicht uns mit der Zeit intuitiv zu erfassen, ob sich innere oder äußere Systeme im Gleichgewicht befinden oder nicht, bzw. wie sie in einen ausgeglichenen Zustand gebracht werden können.

Die Elemente in der Natur werden in diesen Traditionen oft inneren Faktoren zugeordnet, so spricht die tibetische Medizin vom Gleichgewicht der Elemente im Körper und im buddhistischen Tantra gibt es Zuordnungen zu positiven und negativen Geisteszuständen, wie etwa den 5 Geistesgiften, oder auch den 5 Weisheiten, die hoch entwickelten geistigen Qualitäten entsprechen.

Ich nehme an, dass Akong Rinpoche im Tara Rokpa an diese alten Traditionen angeknüpft hat, weil er sah, wie unser westlicher Lebensstil zu einer künstlichen Spaltung zwischen den Menschen und der Natur führt und uns das sowohl körperlich und psychisch als auch ökologisch vollkommen aus dem Gleichgewicht bringt. Und er hat seine Übungen so aufgebaut, dass sie uns ganz am Anfang des Prozesses dazu bringen, nach draußen zu gehen und direkten, sinnlichen Kontakt mit der uns umgebenden Natur aufzunehmen. Die Elemente Übungen haben in ihrer Einfachheit sofort eine ausgesprochen ausgleichende Wirkung. Der Kopf beruhigt sich und wir gehen in Resonanz mit der Qualität des jeweiligen Elementes. Wir lernen verstehen, wie sich diese Qualitäten in unserem Körper und in unserer Psyche, in mehr oder weniger ausgewogener Form wiederfinden. Nach und nach entwickelt sich ein Gespür für die Wechselwirkung von innen und außen und die Fähigkeit, ein eventuelles Ungleichgewicht intuitiv zu erfassen.

Zurzeit werden die katastrophalen Folgen der Klimawandels spürbar, und es wird sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass wir Menschen wieder lernen, auf andere Lebewesen und die natürlichen Systeme zu achten und uns mit ihnen zu koordinieren. Unsere westliche Zivilisation war auf Beherrschung und Ausbeutung der Natur ausgerichtet. Aber spätestens jetzt müssen wir umdenken, sonst entziehen wir uns als Spezies unsere eigene Lebensgrundlage. Wir müssen wieder begreifen, dass wir Teil der Natur sind und dass unser Körper aus natürlichen Elementen besteht, genau wie der anderer Lebewesen.

Mit den Tara Rokpa Übungen lernen wir unsere natürliche Umgebung wieder zu schätzen und zu lieben, so dass ganz von selbst der Wunsch entsteht, für sie zu sorgen.

Wofür stehen die einzelnen Elemente?

Erde

Die Erde hat Eigenschaften wie Festigkeit und Stabilität und bildet daher die Grundlage für unsere körperliche Existenz und deren Entwicklung.

In unserer physischen Umgebung manifestiert sich das Erdelement als fruchtbarer Boden, Sand, Steine, Felsen, Berge und dergleichen. Seine Eigenschaften sind Stabilität, Festigkeit, Schwere. In unserem Körper wird dieses Element durch alles dargestellt, was hart ist und Struktur verleiht, wie Knochen, Haare, Nägel und Muskelfasern. Wenn es auf psychischer Ebene ausgeglichen ist, zeichnet sich eine Person durch Stabilität und Zuverlässigkeit aus.

Die Erde trägt geduldig ihre Bewohner; fruchtbarer Boden versorgt sie mit Nahrung, während Sand und Steine zu Baumaterial für ihre Behausungen werden. Wenn die Erde in ausgewogener Weise vorhanden ist, harmonisch mit den anderen Elementen, ist sie fruchtbar und beherbergt eine schiere Unendlichkeit von Formen des natürlichen Lebens, Pflanzen und Lebewesen.

Aber was passiert, wenn die Erde ausgebeutet und nicht gepflegt wird? Fruchtbare Orte werden zu Wüsten. Wenn die Agrarindustrie – aus Gier – die natürlichen Kreisläufe der Ackerböden nicht respektiert, geht deren Vitalität verloren.

Alte Heiltraditionen: Eigenschaften der Erde

Schlamm von besonderen Orten kann auf den Körper aufgetragen werden, um schmerzende Gelenke und Hautprobleme zu lindern. Gereinigte Erde wird intern als Medizin gegen Darmprobleme eingenommen. Salze und Mineralien werden in der Naturheilkunde und Homöopathie verwendet, und die Tibeter mahlen Juwelen wie Türkis und Koralle, um Zutaten für sogenannte „kostbare Pillen“ herzustellen – hilfreich bei verschiedenen Arten von physischen und psychischen Störungen.

Wenn diese natürlichen Ressourcen verschmutzt oder aufgebraucht werden oder es einfach keine natürlichen Orte mehr gibt, an denen diese Substanzen gesammelt werden könnten, sterben zahlreiche Heiltraditionen aus aller Welt aus.

Und da die Erde ihre Vitalität verliert und Pflanzen mit Hilfe von Kunstdünger angebaut werden, verschlechtert sich die Qualität unserer Lebensmittel drastisch und es entstehen neue Krankheiten. Ein Beispiel dafür ist die steigende Anzahl von Allergien.

Wenn wir uns die psychischen Eigenschaften ansehen, die dem Erdelement zugeordnet sind – Stabilität, Zuverlässigkeit und ein Gespür für die praktischen Dinge im Leben -, sind sie in der Tat sehr nützlich.

Eine Person mit einem stabilen Geist kann sich gut auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren. Sie kann nicht nur sehr effizient arbeiten und ist mit guten Eigenschaften wie Pünktlichkeit ausgestattet, sie kann auch vernünftig und praktisch denken. Geistige Stabilität ist die Basis für mentale Stärke, die Fähigkeit, das, was man tun möchte, tatsächlich in die Praxis umzusetzen.

 

Wasser

Wasser erzeugt Feuchtigkeit in all seinen Formen und ist der Ursprung aller Körperflüssigkeiten.

In der Natur kommt Wasser aus den Wolken, fließt in Flüssen und Bächen und sammelt sich in Pfützen, Seen und Ozeanen. An einigen Orten sind jeden Morgen funkelnde Tautropfen zu beobachten, an anderen Orten werden winzige Wassertropfen zu Nebel. Wasser hat eine große Flexibilität. Es nimmt die Form des Behälters an, in das es gegossen wird, und findet immer seinen Weg, um Hindernisse wie Mauern, Steine oder Felsen zu überwinden. Typisch sind seine Flexibilität, seine Fähigkeit sich zu sammeln und zusammenzuhalten sowie seine Reinigungskraft. Alle Lebewesen bestehen zu einem großen Teil aus Wasser. Es ist das flüssige Element, mit dem Nährstoffe dorthin transportiert werden, wo sie benötigt werden, und mit dem Abfallprodukte aus lebenden Systemen ausgeschieden werden. In unserem Körper bezieht es sich also auf alle Körperflüssigkeiten wie Blut, Lymphe, Speichel, Magensäfte usw.

Heutzutage ist es sehr schwer, reines Wasser auf diesem Planeten zu finden. Aufgrund des übermäßigen Verbrauchs seitens der Industrie und durch Einzelpersonen wird das Leben von Tieren und Menschen von Wasserkrisen bedroht.

Heilende Eigenschaften von Wasser

Traditionelle Kulturen hatten heiligen Wasserquellen, und viele unserer Vorfahren waren der Meinung, dass diese von Gottheiten, Göttinnen oder positiven Geistern geschützt wurden. Reines Wasser wurde und wird geschätzt und in verschiedenen Ritualen beispielsweise bei der Taufe oder tantrischen Initiationen sowie auch als Medizin verwendet. In Thermal-Einrichtungen auf der ganzen Welt trinken die Menschen  heilsames Wasser und baden in heißen Quellen. Die verschiedensten Krankheiten werden davon positiv beeinflusst.

Heutzutage wird Quellwasser in Flaschen abgefüllt, und obwohl die Werbung die Qualität dieser Mineralwässer anpreist, ist es schwer vorstellbar, dass die Eigenschaften des Wassers nach monatelanger Lagerung gleich bleiben. Das Wasser, das wir jeden Tag trinken, ist oft Abwasser, das mit Hilfe von Chemikalien recycelt wurde. Die Qualität dieser Art von Wasser ist sicherlich gering.

Die psychologischen Eigenschaften, die mit dem Wasserelement in Verbindung stehen, sind Flexibilität und die Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden. Eine Person, deren Wasserelement gut im Gleichgewicht ist, kann sich leicht mit ihren eigenen Gefühlen und anderen Wesen verbinden.

 

Feuer

Feuer bringt aufgrund seiner Wärme Transformation und Aktivität, unsere Stoffwechselfunktionen sind ihm zugeordnet.

Die Sonne ist die mächtigste Manifestation des Feuerelements in der Natur. Sie ist die Quelle von Licht und Wärme, die es den Pflanzen ermöglicht, zu reifen und sich zu vermehren. In ihrer Abwesenheit gefriert alles und stirbt. Andere Erscheinungsformen des Feuerelements in der Natur sind Vulkane sowie alle möglichen elektrischen Phänomene wie Blitze, die produktiv oder zerstörerisch wirken können. Die Eigenschaften dieses Elements sind Wärme, Leuchtkraft und Reaktivität.

In unserem Körper hängt das Feuerelement mit unserer Körperwärme und dem Verdauungsprozess zusammen, der uns unsere Energie gibt, sowie mit den Hormonen.

Unsere gegenwärtige Zivilisation mit ihrem Hunger nach Energie, die für die Herstellung einer ständig wachsenden Anzahl von Konsumgütern benötigt wird, hat den Einsatz von Feuer stark übertrieben. Wir sind so fasziniert von all den Waren, die mit Hilfe von Maschinen hergestellt werden, aber diese Maschinen brauchen Nahrung – daher werden wertvolle fossile Rohstoffe in unglaublich kurzer Zeit verbrannt. Der Planet kann nicht mit den Abfallprodukten unserer rasenden Produktivität umgehen, und das übertriebene Abbrennen fossiler Substanzen wie Öl, Gas und Kohle bedroht sein fragiles Gleichgewicht. Die Auswirkungen unseres rücksichtslosen Konsums sind die globale Erwärmung mit all ihren gefährlichen Folgen.

Die heilenden Eigenschaften des Feuers

Menschen und Tiere, die an kalten Orten leben, kennen die Heilkraft der Sonne vielleicht am ehesten: Nach langen Wintern beeilen sie sich nach draußen zu gehen, um ihre Gliedmaßen in die ersten Strahlen der Frühlingssonne zu strecken. Ein Mangel an Sonne kann sogar die Ursache für Krankheiten wie rachitische Knochendeformationen sein.

Viele Arten von natürlichen Heilmitteln nutzen die Kraft der Wärme: Behandlungen mit heißen Getränken, Ölen oder heißen Kräutern, Moxibustion und Sauna, um nur einige zu nennen.

Heutzutage, da die schützende Ozonatmosphäre der Erde durch unsere Abgase beschädigt wird, kann die Sonneneinstrahlung gefährlich werden und schwere Krankheiten wie Hautkrebs verursachen.

Auf der seelischen Ebene hängt Feuer mit Willenskraft und Durchsetzungsvermögen zusammen. Eine Person mit einem gut entwickelten Feuerelement ist inspiriert und kann andere inspirieren. Feuer manifestiert sich auch als die Wärme der Güte und des Mitgefühls, die man als universelle Heiler bezeichnen könnte. Wer sein Herz für andere öffnen kann, wird wie ein Licht in der Welt.

 

Luft und Wind

Wind schafft Bewegung und damit im Körper alle Aspekte der Zirkulation.

Die Luft ist ein sehr subtiles Element; sie ist nicht direkt sichtbar. Erst wenn sie sich bewegt, wird sie dank ihrer Auswirkungen auf Bäume, Wolken, Flaggen und dergleichen sichtbar. Wenn wir beobachten, wie sich die Blätter bewegen oder wenn wir einen kühlen Luftzug auf unserem Körper spüren, schließen wir daraus, dass der Wind weht.

Wind ist in der Natur wichtig, da er die Samen von einem Ort zum anderen transportiert. Er ist verantwortlich für die große Gestaltungskraft des Pflanzenlebens. Luft ist der Träger von Düften und zieht Tiere an Orte, an denen sie Nahrung finden.

Im menschlichen Körper hängen Atmung, Kreislauf und Nervensystem mit diesem schnellsten Element zusammen. Die Luft bewegt sich immer und steht niemals still.

Heutzutage ist das Atmen von frischer, natürlich duftender Luft zu einem Luxus geworden. In Städten ist die Luft dagegen manchmal so verschmutzt, dass man denken könnte, es sei besser, überhaupt nicht zu atmen. Über Städten kann man oft eine dicke Schicht dunklen Smogs beobachten, und wenn man von den Straßen in den Himmel schaut, ist die Sonne verhüllt.

Die heilenden Eigenschaften der Luft

Menschen mit Lungenerkrankungen wie Tuberkulose oder anderen Problemen des Atmungsapparates wie chronischer Bronchitis werden von jeher in Luftkurorte geschickt – in die Berge oder ans Meer. Die Frische und der Duft von natürlich reiner Luft beruhigen ihren Körper und Geist, so dass sie Heilung finden konnten. Das Singen, das mit der Luft in unserer Lunge zusammenhängt, ist ebenfalls eine alte Medizin.

Luft hängt auch mit der Intelligenz zusammen, der Fähigkeit des Geistes, Verbindungen herzustellen und Dinge richtig zu verstehen. Ein gutes Verständnis der Art und Weise, wie alle Dinge abhängig voneinander existieren, ermöglicht uns, zur richtigen Zeit aktiv zu werden und uns immer in eine positive Richtung zu bewegen.

Raum

www.nasa.gov

Raum ist das Potenzial, das die Existenz von anderem ermöglicht.

Das Raumelement ist nicht materiell, im Gegenteil, es ist die Abwesenheit von Materie, die Abwesenheit von Behinderung durch Stoffliches. Raum ist das, was es den anderen Elementen ermöglicht, einen Platz einzunehmen und sich zu bewegen. Räume sind überall zu finden, zwischen materiellen Objekte aber auch in ihnen. Normalerweise richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf die Räume zwischen den Dingen, weil uns die materielle Welt zu sehr fasziniert.

Das Erkennen von Raum hat mit dem Erkennen unseres Potenzials zu tun – des Potenzials für Veränderung und der Möglichkeiten, die uns das Leben bietet.

In einer unberührten Umgebung, in der sich die Natur in ihrem eigenen langsamen Rhythmus bewegt, fällt es uns Menschen leichter, die unendlichen Möglichkeiten unseres Geistes wahrzunehmen, während es in den überfüllten und lauten Umgebungen unserer modernen Welt äußerst schwierig wird, sich auf das Innere zu konzentrieren. Anstatt die Freude und Offenheit zu spüren, die natürliche Eigenschaften eines entspannten Geistes sind, wenden wir uns möglicherweise irgendwelchen Kunstprodukten zu, die von der globalen Industrie hergestellt werden, um Entspannung zu finden.

Heilung durch Entdeckung des Raums

Die tiefste psychologische Heilung kann eintreten, wenn das unendliche Potenzial des Geistes erkannt wird. Wenn wir uns von begrenzten und begrenzenden Konzepten befreien, die ein Produkt einer engen egozentrischen oder menschenzentrierten Weltanschauung sind, wenn wir entdecken, dass wir nicht getrennt, sondern eng mit der Natur und allen Lebensformen verbunden sind, können wir tiefe Heilung finden. Nach alten Weisheitstraditionen findet die tiefste Heilung statt, wenn der Geist in seiner raumartigen ursprünglichen Natur ruhen kann und fähig ist, stets im Gleichgewicht zu bleiben, wenn wir den verschiedenen angenehmen und unangenehmen Lebenserfahrungen begegnen.

 

Mehr Informationen zu den Eigenschaften der Elemente findet sich in dem Heft „Mit den Elementen arbeiten“ von Edie Irwin (erhältlich im Tara Rokpa-Büro).

 

Gleichgewicht und Ungleichgewicht in antiken Traditionen und in der Ökologie

Wenn die Elemente in unserer Umgebung ausgeglichen sind, erhalten sie das Leben, sie liefern physische und emotionale Nahrung, sie sorgen für Heilung. Wenn ein Ungleichgewicht auftritt – entweder hervorgerufen durch natürliche Ursachen oder durch unvernünftiges Verhalten der Menschheit – können die äußeren Elemente sehr zerstörerisch werden. Wenn die Erde rutscht, wenn die Gewässer über die Ufer treten, wenn Feuer außer Kontrolle gerät oder wenn sich die Luft mit Orkan-Geschwindigkeit bewegt, werden die Elemente bedrohlich. Aber auch ein geringeres Ungleichgewicht kann sich langfristig nachteilig auf unsere Gesundheit auswirken. Feuchtes Klima kann zu Rheuma führen, zu viel Sonneneinstrahlung verursacht Hautschäden, viele starke Winde können das Nervensystem beeinträchtigen. Daher ist es wichtig, dass der Mensch das Gleichgewicht der Elemente in der Natur nicht durch unkluge Eingriffe stört.

Die moderne Wissenschaft der Ökologie spricht nicht von den 5 Elementen so wie es die antiken Traditionen taten, doch da sie sich mit dem Gleichgewicht ökologischer Systeme befasst, gibt es eine Verwandtschaft. Die Ökologen schlagen Alarm, da die natürlichen Kreisläufe heute in einem Maß gestört sind, dass in Frage gestellt ist, ob die Systeme überhaupt je wieder in ein Gleichgewicht zurückfinden können, das Leben langfristig unterstützt.

Zu dieser Frage haben vor kurzem der Dalai Lama und Greta Thunberg in einer gemeinsamen Veranstaltung fünf neue aufschlussreiche Kurzfilme über Klima-Rückkoppelungsschleifen präsentiert, die in vielen Sprachen verbreitet werden. https://www.youtube.com/watch?v=reodvcdadKg

Die in diesen Filmen beschriebenen “Rückkoppelungschleifen“ bewirken, dass die Erderwärmung und damit die Klimakrise schneller voranschreiten als bisher berechnet wurde. Unser gesamtes Ökosystem könnte unwiederbringlich dadurch vernichtet werden, dass Klimaretter, wie etwa die Bäume, selbst zu Gefahren werden, wenn sie erkranken und sterben, da sie dann mehr Kohlendioxid freisetzen als sie in Sauerstoff umwandeln. (https://feedbackloopsclimate.com/)

 

Ökologische Probleme und unser inneres Ungleichgewicht

Ein Ungleichgewicht der inneren Elemente des Körpers kann das Ergebnis eines Lebens in einer unausgeglichenen Umgebung sein oder aber eines unausgeglichenen Denkmusters. Wütende Gedanken können zum Beispiel zu so viel Hitze im Körper führen, dass dadurch das Herz in Mitleidenschaft gezogen wird. Eine sehr ängstliche Person, die sich viele Sorgen macht, kann leicht eine Nervenkrankheit bekommen. Ein ausgeglichener Geist hingegen schafft ausgewogene innere Elemente und ist neben einer ausgewogenen Ernährung und Lebensweise eine wichtige Voraussetzung für einen gesunden Körper.

Inneres und äußeres Gleichgewicht, so wie körperliches und geistiges Gleichgewicht hängen offensichtlich allesamt voneinander ab. Der Geist gerät vielleicht aus dem Gleichgewicht, weil wir in einer ungesunden Umgebung leben. Aber die Umgebung ist ungesund geworden, weil die Menschen sie aufgrund ihrer Blindheit für die natürlichen Zusammenhänge aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Hier haben wir ebenfalls Rückkoppelungsschleifen, die dazu führen, dass alles immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät und das Ganze kippen könnte.

Akong Rinpoche sagt: „Zu unseren größten Aufgaben gehört es, die Zusammenhänge aller Aspekte des Lebens verstehen zu lernen, von der Welt, die wir bewohnen, bis hin zum subtilen Gleichgewicht des eigenen Geistes. All das steht in wechselseitiger Abhängigkeit, was bedeutet, dass alles einen Einfluss auf alles andere hat. Wenn wir weiterhin so gierig und selbstbezogen leben, wie wir es gegenwärtig tun, werden wir die ganze Welt zerstören und damit uns selbst.

Das Gegenmittel für uns als Individuen ist, den Schaden einzudämmen und mit der Heilung und der Wiederherstellung des Gleichgewichts zu beginnen. Der erste Schritt besteht aus dem Zähmen des Geistes durch hilfreiches Training wie Meditation. „   (Akong Rinpoche, In Harmonie mit der Erde)

Alles, was existiert, ist ein dynamisches, sich selbst erhaltendes Beziehungsnetz. Alles Lebendige existiert als offenes System, in Interaktion mit seiner Umgebung. Durch natürliche Mechanismen halten sich lebendige Systeme im „Fließgleichgewicht“. Das Fließen wird hier betont, da ständig etwas hinein- und hinausströmt. Leben setzt voraus, dass ein Organismus in einer Spannung zwischen gegensätzlichen Kräften – dem Aufbau und Abbau seiner Bestandteile – in der Lage ist, sich zu erhalten. Natürliche Systeme können, sich mit ihrer Umgebung koordinieren, sie integrieren sich in größere Systeme. Aber was läuft auf unserem Planeten schief, so dass die natürliche Tendenz, im Gleichgewicht zu bleiben, so stark gestört wird?

Mehr Informationen zu einer systemischen Sicht des Lebens: https://www.fritjofcapra.net/

Im Tara Rokpa Prozess studieren wir, welche inneren Mechanismen und Einstellungen dazu führen, dass wir unsere Verbundenheit mit der Erde und anderen Lebewesen nicht wahrnehmen und stattdessen so handeln als wären wir unser eigener Feind.

Akong Rinpoche: Der Weg der Selbstbezogenheit ist wie eine Spirale, die zu Problemen führt, denn Wünsche und Begehren sind endlos. Je mehr wir besitzen, umso mehr wollen wir haben und schließlich sind wir Gefangene in einem ständigen Kreislauf von Frustrationen. Es ist klüger, die Natur des Begehrens zu untersuchen und herauszufinden, was uns wirklich zufrieden macht.“ (Akong Rinpoche, In Harmonie mit der Erde)

Wir haben einen tief verwurzelten Glauben, dass Besitz, Vergnügungen, Status und Anerkennung uns glücklich machen. Durch unsere konsumorientierte westliche Lebensweise wird dieser Glauben noch verstärkt.

Östliche Weisheitstraditionen sehen jedoch seit jeher das Gleichgewicht der Dinge als Quelle des Wohlbefindens an. Für uns Menschen in der gegenwärtigen Zeit heißt das vor allem, dass wir wieder unseren Platz im Gewebe der globalen Zusammenhänge finden. Unsere Gier ist aus dem Ruder gelaufen und das hat uns blind gemacht dafür, dass wir von der Erde und all den anderen Kreaturen, die sie bevölkern, abhängig sind. Viele östliche Traditionen sprechen eine klare Sprache: Wir sind gefangen, in einer Selbstillusion, die uns selbst und anderen nur schadet. Unser aufgeblasenes Ego kann sich nicht koordinieren, da es keinerlei Respekt für die Regeln in einer natürlichen Welt hat.

Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh beschreibt mit poetischen Worten, wie wir diese Selbstillusion überwinden können:

Das Leben ist eines. Wir brauchen es nicht in Stücke zu schneiden, um dann dieses oder jenes Stück ein “Selbst” zu nennen. Das, was wir ein Selbst nennen, besteht nur aus Nicht-Selbst Elementen. Wenn wir zum Beispiel eine Blume betrachten, könnten wir denken, dass sie sich von Dingen unterscheidet, die Nicht-Blume sind. Aber wenn wir tiefer schauen, sehen wir, dass der gesamte Kosmos in dieser Blume vorhanden ist. Ohne all die Nicht-Blumen Elemente – Sonne, Wolken, Erde, Mineralien, Hitze, Flüsse, Bewusstsein – kann die Blume nicht existieren. Darum lehrt der Buddha, dass das Selbst nicht existiert. Wir müssen die Unterscheidungen zwischen Ich und Nicht-Ich aufgeben. Wie kann jemand für den Umweltschutz arbeiten, ohne diese Einsicht zu haben?“

 

Was können wir tun? Meditieren und gärtnern

Akong Rinpoche: „Gleichgewicht herstellen heißt akzeptieren, dass wir Bestandteil eines großen Ganzen sind, was unser Gefühl der Isolation und Entfremdung aufzuheben hilft. Wenn wir einmal unsere vielfältigen Bezüge zur Welt akzeptieren, lassen wir sie zu hilfreichen, nützlichen und förderlichen Verbindungen werden und unser Leben wird bedeutungsvoller und wertvoller sein.“ (Akong Rinpoche, In Harmonie mit der Erde)

Das tibetische Wort für Meditation (gom) wörtlich übersetzt heißt: „Sich mit Heilsamem vertraut machen“. Auch wenn wir rational verstehen, dass wir Teil der Natur sind, sind wir vielleicht so daran gewöhnt, die Konsequenzen dieses Verständnisses außer Acht zu lassen, dass wir uns ein wenig bemühen müssen, um unseren Geist an eine neue Ausrichtung zu gewöhnen.

Meditation muss nicht immer im Sitzen praktiziert werden. So wie wir im Tara Rokpa die Elemente betrachten, indem wir nach draußen gehen und ihre Manifestation in der Natur kennenlernen, so können wir auch auf einem Spaziergang kontemplieren, was es eigentlich bedeutet, dass wir Teil der Natur sind. Wir können den Versuch machen, bestimmte Tatsachen von der Erfahrung her zu verstehen: „Ich atme ein, was die Pflanzen ausatmen“, „Alle lebendigen Systeme sind offen und immer im Austausch“, „Alles besteht in wechselseitiger Abhängigkeit“; „Das Leben aller künftigen Lebewesen hängt davon ab, wie gut wir Menschen uns heute mit dem Rest der Natur koordinieren können.“

Wenn wir so die Verbundenheit zwischen uns menschlichen Wesen – individuell und als Kollektiv – und der natürlichen Welt verstehen, werden wir ein größeres Verantwortungsgefühl für die ganze Natur entwickeln, von der wir ein Teil sind.

Wie Akong Rinpoche sagt: „Unser Leben wird bedeutungsvoller und wertvoller, wenn wir uns als Teil eines Ganzen verstehen und uns für das Ganze einsetzen.“

In dem Maße, in dem wir uns als abhängig bestehende Wesen erkennen und die Selbstbezogenheit überwunden wird, werden wir ausgeglichener und flexibler. Starrheit, Stolz, übergroße Emotionalität, Anhaftung, Wut und Neid nehmen ab und wir werden weiser und mitfühlender.

Im tibetischen Tantra gibt es ein System, in dem die 5 Elemente in ihrer reinsten Form 5 Weisheiten zugeordnet sind. Das Erdelement hat dabei einen Bezug zu der Weisheit, die die grundlegende Gleichheit aller Lebewesen erkennt. Das Wasserelement steht in Verbindung mit der spiegelglichen Weisheit, die klar und prägnant die Wirklichkeit so erkennt, wie sie ist. Die wärmende Feuerkraft hat in diesem System einen Bezug zur unterscheidenden Weisheit, die intuitiv erkennt, was die Lebewesen brauchen, während der Wind mit seiner Schnelligkeit mit der allesbewirkenden Weisheit in Verbindung gebracht wird, die unsere Tatkraft inspiriert. Das Raumelement hat einen Bezug zur allumfassenden Weisheit, die die grundlegende Natur aller Dinge wahrnimmt.

Auch wenn die 5 Weisheiten im Tara Rokpa Prozess nicht ausdrücklich erwähnt werden, sind viele Übungen von diesem antiken System inspiriert. Die Grundannahme ist, dass wir uns zum Positiven verändern können: Sobald wir unsere übertriebene Selbstbezogenheit überwinden und uns mehr anderen Lebewesen und unserer Erde, unserer gemeinsamen Heimat, zuwenden, entsteht Klarheit und unser Herz öffnet sich, was wiederum zu einer Veränderung im Verhalten führt.

Für diejenigen, die die katastrophalen Folgen der ökologischen Ungleichgewichte klar und deutlich erkannt haben, aber so von Angst überwältig werden, dass sie gleich wieder wegschauen möchten oder sich eher gelähmt als zum Handeln inspiriert fühlen, gibt es auch eine spezielle Meditation.

 

Seine Heiligkeit, der 17. Karmapa hat die traditionelle Tonglen-Meditation, die auch im Tara Rokpa praktiziert wird, für unsere Zeiten angepasst. Am Anfang dieser Meditation konfrontieren wir uns mit unserer Angst und erkennen sie als eine vollkommen stimmige Reaktion auf eine existenzielle Bedrohung und als Zeichen unserer Fürsorge für die Erdenbewohner. Wir respektieren und ehren diese Gefühle und lassen sie los: Wir stellen uns vor, dass sie in die Erde geatmet werden. Danach heißt es in der Meditationsanleitung:

„Achte auf den einströmenden Atem – die Luft, die in deine Nasenlöcher, deinen Mund strömt und den Bauch füllt. All dieser Sauerstoff, der dich am Leben hält, kommt aus der Natur. Alle Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, die Kleidung, die Häuser, die uns schützen, kommen von außerhalb von uns. Die Grundlage unseres Lebens ist die gegenseitige Abhängigkeit von der Erde. Ruhe in diesem Bewusstsein und entspanne dich; vertraue darauf, dass du untrennbar von der Natur bist.

Atme das Mitgefühl der Erde ein und atme Dankbarkeit aus.“

Wenn wir uns selbst durch diese Visualisierung in einen ausgeglichen Zustand gebracht und gestärkt haben, wenden wir uns mit liebender Fürsorge anderen Lebewesen zu, die unter der ökologischen Krise leiden, und machen eine heilende Visualisierung für sie. (Siehe: „Guided Practice: Tonglen for Eco-Anxiety“)

Es ist sicher nicht nötig, an dieser Stelle darauf einzugehen, wie wir unser tägliches Verhalten ändern sollten, um einen persönlichen Beitrag zur Klimawende zu leisten, da es darüber allseits viel Information gibt.

Der besondere Beitrag des Tara Rokpa Übungsweg besteht eher darin, dass er einen Erkenntnisprozess anregt und uns neue Erfahrungen ermöglicht. Wir können erkennen, dass wir tatsächlich entspannter und freier leben, wenn wir unsere Fixierung auf uns selbst aufgeben und uns als Teil des Ganzen begreifen. Wir können lernen extreme Geisteszustände zu überwinden und in ein neues inneres Gleichgewicht zu kommen. So werden wir automatisch zu Menschen, die sich mit der natürlichen Umwelt koordinieren wollen und kreativ werden, um zusammen mit anderen neue Wege zu gehen.

 

[Beitragsbild: Elemente-Mandalas von Loretta Todesco für Kushi Ling]