TRKL-Vortrag als Textbeitrag: Lerne dich kennen und finde Freunde

Lerne dich kennen und finde Freunde –

„Lob der Vielfalt“

Von Ulrich Küstner

Überarbeitete und erweiterte Schriftfassung des Online-Vortrags vom 3.11.2022

Einleitung: Was ist eigentlich Tara Rokpa?

Am Anfang eines Einführungsvortrags zu Tara Rokpa steht immer diesselbe Frage. Was Tara Rokpa ist, ist nicht leicht in einigen Sätzen zu beschreiben. Und wir arbeiten schon Jahrzehnte daran 🙂 Zum einen liegt es daran, dass die Methode mehrere Phasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten hat. Darauf kommen wir noch.

Aber es liegt auch daran, dass die Methode scheinbar recht unterschiedliche, fast widersprüchliche Aspekte verfolgt. Therapie und Buddhismus, Selbsterfahrung und Entspannung, Meditation und westlicher Alltag, Beschäftigung mit sich selbst und Gemeinschaft… Ich hätte volles Verständnis, wenn da jemand sagt: „Na was denn nun? Das geht doch in lauter verschiedene Richtungen.“ Normalerweise erwarten wir eine klare Stellungnahme von einer Methode, worum es gehen soll und wohin die Reise geht.

Aber diese große Bandbreite, die scheinbare Unbestimmtheit, ist eben ein besonderes Merkmal, geradezu eine Stärke von Tara Rokpa.

Vielfalt, Vielfältigkeit, bedingt eben auch Mehrdeutigkeit oder Uneindeutigkeit, in der man navigieren muss. (Sehr empfehlenswert dazu: Thomas Bauer (2018) Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam-Verlag.)

Tara Rokpa entstand bereits in einem Spannungsfeld, das uns bis heute begleitet und nach 50 Jahren immer noch aktuell ist: Viele Menschen waren und sind fasziniert vom Buddhismus und hatten die Vorstellung, dass dessen Meditation, dessen Lehren, ihnen helfen könnten, ihr Leben zu verbessern oder besser zu bewältigen.

Und damals wie heute gab es einen großen Abstand zwischen dem, was die Menschen sich unter Buddhismus vorstellten, und was die aus Asien kommenden buddhistischen Lehrer darunter verstanden und lehren wollten. Das hat zu vielen Mißverständnissen geführt.

Ein spannungsreicher Start

Der Begründer der Tara Rokpa-Methode, ein tibetischer Meditationslehrer namens Akong Rinpoche, war seit den 1960er Jahren mit dieser Herausforderung konfrontiert.

Sein Zentrum, Samyé-Ling in Schottland, war in den 1960er und 70er Jahren, als erstes tibetisch-buddhistisches Kloster im Westen, ein Anziehungspunkt für viele Suchende. Es war die Zeit der Hippies und der „Morgendland-Reisen“. Die Menschen wollten Buddhismus, aber eigentlich brauchten sie erstmal innere Festigkeit, einen gewissen Reifezustand als Person, eine Fähigkeit zum entspannten Umgang mit sich selbst. Viele wollten Meditation benutzen, um das zu erreichen, was eigentlich Vorbedingungen für gelingende Meditation sind: Klarheit, Sortiertheit, Zielbewußtsein. Das war aus Sicht der buddhistischen Lehrer die falsche Reihenfolge und konnte für viele nicht funktionieren.

In dieser Situation schuf Akong Rinpoche damals seine Methode: Akong Rinpoches therapy. Eine Methode, die beides berücksichtigen sollte: Die Notwendigkeit, ein reifer, sortierter, und einigermaßen entspannter Mensch zu werden, und die Inhalte des Buddhismus in angepasster Form zu vermitteln. Die später „Tara Rokpa Therapy“ genannte Methode sollte einerseits auf die Ausgangssituation und Bedürfnisse der Menschen antworten und das vermittelt, was sie brauchen. Andererseits einen Einstieg in buddhistische Praxis und Inhalte ermöglichen, ohne das ganze riesige Drumherum von Geschichte, Kultur, und Volksreligion.

Aber – und das ist wichtig! – die Methode versteckt den historisch-kulturellen, buddhistischen Hintergrund auch nicht, sie distanziert sich nicht davon. Dieser Spagat war und ist nicht einfach. Wir als AnleiterInnen bemühen wir uns bis heute immer wieder um dieses Gleichgewicht. Denn es macht die Vielschichtigkeit und Tiefe von Tara Rokpa aus.

Vor einigen Wochen sprach ich mit Christoph Klonk, einem der Begründer des Menla-Trainings, einem Entwicklungs- und Reifungsprozess für Menschen in heilenden und helfenden Berufen. Von der Idee und dem buddhistischen Hintergrund her zeigt dieses Training durchaus Ähnlichkeiten mit Tara Rokpa. Christoph, im Grundberuf Arzt, sagte mir, sie hätten die Inhalte in westlicher Sprache und Form formuliert, anders wäre das in der genannten Zielgruppe nicht zu vermitteln gewesen.

Dabei wurde mir klar, das Tara Rokpa dies eben nicht durchgängig macht. Akong Rinpoche, 1959 aus Tibet geflohen, kam aus einer buddhistischen Welt- und Lebenserfahrung. Er passte nicht alles an den Westen an. Bei aller Rücksicht auf westliche Ausgangspunkte ist Tara Rokpa inhaltlich durchgehend mit dem tibetischen Buddhismus kohärent. Auch wenn dies einzelne TeilnehmerInnen an manchen Stellen überfordern mag. Diese Rückbindung an einen traditionellen Hintergrund macht den besonderen Geschmack und die Tiefe von Tara Rokpa aus.

Akong Rinpoche nahm Elemente und Bausteine aus der tibetischen Medizin und aus dem Mahayana- und Vajrayana-Buddhismus, vereinfachte sie, und fügte sie neu zusammen. Er versuchte, die Hintergründe der Übungen, das was sie funktionieren lässt, soweit wie möglich kulturunabhängig zu erklären.

Gleichzeitig wollte er das stärken, was er in der westlichen Gesellschaft und in westlichen Menschen damals als Schwächen sah. Die 1959 vor der chinesischen Kulturrevolution geflüchteten Tibeter kamen aus einem harten Klima, aus einer teils nomadischen, bäuerlichen Tradition. Sie erlebten uns als hochaufgeschossene Treibhauspflanzen: Sie wachsen schnell, sehen super aus – aber es fehlen ihnen die Wurzeln, die Solidität, die Eigenständigkeit.

Und heute?

Ist das jetzt, nach 50 Jahren, nicht anders? Heute wissen wir zwar sehr viel mehr über Buddhismus, und er ist viel verbreiteter in der Gesellschaft. Meditation muss sich nicht mehr fragen lassen, ob sie nützlich ist. Buddhismus und Meditation wird heute meist von westlichen Menschen gelehrt. Alle reden von „Achtsamkeit“ als eine Art Allheilmittel.

Aber andererseits hat sich eines nicht wirklich geändert: Die Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sich erhoffen und erwarten, und dem, was der Buddhismus im Kern anzubieten hat. Die Ausgangspunkte und Ziele sind nicht vollständig deckungsgleich, was von westlichen buddhistischen Lehrern und Autoren oft nicht ausreichend thematisiert wird. Sehr verkürzt dargestellt: Während die klassische buddhistische Tradition Wert auf den Unterschied zwischen „weltlichen“ und soteriologischen Zielen legt, überschlagen sich moderne buddhistische Lehrer geradezu in ihren Versicherungen, dass der Buddhismus unser Weltleben erleichtern und verbessern will. (Dazu gäbe es noch viel zu sagen…)

Und so ist Tara Rokpa heute noch genauso aktuell. Wir fangen dort an, wo die Bedürfnisse der Menschen sind, und fügen dann etwas hinzu. Und noch etwas. Und noch etwas 🙂 Und prüfen immer wieder, was nutzt und was funktioniert, aber ohne den weiteren Kontext aus den Augen zu verlieren.

Dieser weitere Kontext ist aber keineswegs nur asiatisch oder buddhistisch. Bei genauer Betrachtung geht um allgemein-menschliche Fragen.

Das gute Leben

Die Philosophen der griechischen Antike machten sich schon Gedanken darüber, was ein gutes, ein gelingendes Leben ist. Diese Frage ist immer aktuell! Und bereits im alten Griechenland war klar, dass es nicht reicht, mit Worten zu philosophieren. Philosophie (wörtlich die „Liebe zur Weisheit“) ist ein Programm, ein Lebens-Projekt, welches Erkenntnis und ein stetes Sich-Üben einschliesst.

Bei Tara Rokpa verstehen wir darunter u.a.:

  • sich selbst (besser) kennen lernen
  • sich selbst akzeptieren und lieben lernen
  • das Potential, das in uns vorhanden ist, zu entfalten
  • unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen
  • mit Grenzen und Begrenzungen umgehen lernen
  • zufrieden sein, in Frieden kommen, nicht mehr hadern müssen

Dieser letzte Punkt scheint besonders wichtig. Fruchtloser Hader, und hadern als Verb, sind heute eine weit verbreitete Grundstimmung, die viele weitere Übel nach sich zieht.

»Denn im Busen des Menschen ist stets des unendlichen Haders
Quelle zu fließen geneigt (…) «

schrieb J. W. v. Goethe 1797 im Fragment Achilleis.

Als therapeutische Themen könnten wir diese Punkte so formulieren:

  • Selbstakzeptanz – uns selbst ein Freund sein
  • Selbstwirksamkeit – wissen, dass wir etwas bewirken können
  • Sinn und Identität – Sinn, Zugehörigkeit, Potenzial erleben
  • Gelassenheit – „In der Ruhe liegt die Kraft“

Wir kommen darauf zurück.

Teil 1: Lerne dich (besser) kennen

Die erste große Phase des Tara Rokpa-Prozesses nennen wir „Zurück zu den Anfängen“. Wir haben sie so beschrieben:

Zurück zu den Anfängen ist ein intensiver, ca. zweijähriger Prozess des Erinnerns, Sichtens und Neubewertens der Erfahrungen und Entscheidungen unseres bisherigen Lebens durch einen speziellen Prozess des Schreibens mit Hilfe von Entspannung, Visualisation sowie Arbeit mit Farben und Kunstmaterialien, die auch unsere kreativen, imaginativen und nicht-sprachlichen Anteile einbezieht.

Damit wird schon deutlich, dass es nicht nur um eine Ursachenforschung psychischer Probleme geht, wie der Name „Zurück zu den Anfängen“ suggerieren könnte. Dies kann sehr wohl für Einzelne ein wichtiger Aspekt sein, vielleicht sogar der Grund, den Prozess zu beginnen. Ein kontinuierliches Durcharbeiten auch schwieriger und schmerzlicher Aspekte des eigenen Lebens ist in der Methode enthalten.

Gleichzeitig wird dies immer auch ausgewogen mit einem Blick auf positive Erfahrungen und Möglichkeiten. Tara Rokpa sieht Menschen als selbstbestimmende Wesen voller Potenziale. Auch in scheinbar fremdbestimmten Situationen können wir uns selbst als Handelnde entdecken.

Sich kennenlernen

Was heißt das eigentlich: Selbsterkenntnis? Sich kennenlernen? Was lernen wir kennen? „Erkenne dich selbst“, Γνῶθι σεαυτόν, steht schon am Apollotempel in Delphi im alten Griechenland.

Wenn wir darüber nachdenken, merken wir, auf welch unterschiedliche Art Selbsterkenntnis verstanden werden kann. Meine Muster in Beziehungen? Meine Überzeugungen? Meine Erlebnisse? Meine Prägungen? Mein Selbstbild? Mein Charakter? Mein Platz im System? Mein körperliches Da-Sein? Mein Bewußtsein?

Hier zeigt sich die Offenheit für Vielfalt bei Tara Rokpa: Es gibt keine Anweisung, wie das zu verstehen ist. Mit voller Absicht.

Vielfalt ist der Schlüssel

Wir meinen, wir kennen uns eigentlich schon ziemlich gut. Auf Anfrage (oder auch ohne Anfrage…) spulen wir eine Reihe von Charakterisierungen unserer selbst ab. Unsere Fehler und Schwächen stehen dabei oft im Vordergrund.

Im Allgemeinen ist unser Selbstbild routiniert, fast abgelutscht. Was wir von uns selbst denken ist oft unterkomplex, und wir bleiben bei denselben oft erzählten Narrativen.

Aber immer wieder überraschen wir uns selbst, sprechen und handeln unerwartet, und nicht immer zu unserem Vorteil. Da scheinen mehr als nur eine Person in uns zu stecken! Manche von denen haben so gut wie nie was zu sagen, andere sind uns sehr bekannt. Wir nennen das „Community of Selves“; ein eigenes Thema innerhalb von Zurück zu den Anfängen.

Vor einigen Jahren ging ein wunderbarer TED-Talk um die Welt: „The danger of a single story“ (2009). Heute noch so aktuell wie damals!  „Unsere Leben, unsere Kulturen, setzen sich zusammen aus vielen, überlappenden Geschichten. Die Schriftstellerin Chimamanda Adichie erzählt, wie sie ihre eigene, authentische kulturelle Stimme fand – und warnt vor Mißverständnissen, wenn wir über eine andere Person, oder ein anderes Land, nur eine einzige Geschichte hören.“

Wenn wir nur eine Geschichte über eine Person oder ein Land hören, führt das zu gefährlichen Mißverständnissen. Oder nur eine Geschichte über uns selbst!

Unsere ganze Widersprüchlichkeit und Vielfalt ist uns meist nicht bewußt, mehr noch, sie steht uns nicht zur Verfügung. Mehr von uns zu erfahren ist einerseits einfach spannend, interessant, wir machen freudige Entdeckungen. Aber viel bedeutsamer: Wir wissen nicht, was in uns steckt, können es also auch nicht nutzen. Unser Leben, unser Erleben, wird schmalspuriger als nötig. Schade.

Gegen den Trend zur Simplifizierung

Tara Rokpa, in Zurück zu den Anfängen, nutzt mehrere sich ergänzende Methoden um unsere natürliche Tendenz zur Komplexitätsreduktion auszuhebeln.

  • Entspannung – lockert Assoziationen und Erinnerungen, reduziert die Abwehr gegenüber scheinbar Unpassendem; läßt leichter etwas aufsteigen; reduziert die feste Hand, die wir auf unser Selbstbild haben.
  • Wir nutzen Imagination und Bilder; unsere Fähigkeit, in Bildern zu denken; nonverbal zu erfahren; sowohl in Übungen als auch im freien Malen.
  • Wir nutzen Berührung und Massage, um uns digitalisierte Kopfmenschen wieder in den Körper und in echten Kontakt zu bringen. Was nicht das übliche Vorgehen in der Psychotherapie ist (vielleicht abgesehen von Georg Groddeck, dem wilden Begründer der Psychosomatik..).
  • Wir geben Gelegenheit für eine neue Abstimmung zwischen Zusammenarbeit und Abgrenzung, zwischen Ja und Nein-Sagen in sozialen Kontexten.
  • Und vor allem: Wir üben uns im Erinnern, im Gedächtnis halten, im Durch-Denken und sorgfältigen Durch-Fühlen.

Wir erinnern uns durch unser Leben, unser Erleben, unsere Geschichte und Geschichten, und schreiben das auf. Das machen wir drei Mal: Wir gehen in „Zurück zu den Anfängen“ drei Mal chronologisch durch unser Leben, rückwärts, vorwärts, und wieder rückwärts. Wir heben ans Licht, was wir erlebt haben, was wir getan haben, was uns ausmacht. Zumindest noch einmal in unserem Leben, oder vielleicht zum ersten Mal, wollen wir möglichst gründlich alles anschauen, was in unserem Schatzkästlein an Erfahrungen steckt.

Mir – und allen Tara Rokpa-AnleiterInnen – ist völlig klar, dass Erinnern nicht nur schön und lohnend ist. Für viele Menschen ist es herausfordernd, schwer, schmerzlich, und sie möchten es lieber bleiben lassen. Manche haben Furcht davor, etwas nochmal zu erleben, das sie hinter sich gelassen haben und besser nicht mehr aufwühlen. In einigen Fällen ist „Zurück zu den Anfängen“ tatsächlich nicht das Richtige für jemand. Das ist individuell und sollte vorher mit uns oder mit therapeutischer Hilfe geklärt werden.

Aber im Allgemeinen führt „Zurück zu den Anfängen“ zu einer neuen Integration. Je voller und auch widersprüchlicher unser Bild von uns selbst ist, desto eher kann auch das Schmerzliche einen Platz finden in einer großen Vielfalt und einem Reichtum an Erfahrungen, die uns wieder mehr bewußt und präsent sind. Und diese Vielfalt besteht aus Negativem, aus positiven Erfahrungen und Sternstunden – und ganz viel Normalem, Gewöhnlichem, dem Alltagsheroismus, der das Gewebe unseres Lebens ausmacht.

Das hört sich an wie ein frommer Wunsch; es können aber viele bestätigen, die den Prozess durchlaufen haben.

Sich kennenlernen – drei Aspekte

Zu diesem Sich-(besser)-kennenlernen im Sinne von Tara Rokpa gehören also mindestens drei Aspekte, die ich hier noch einmal herausheben möchte:

  • Sich als Handelnde sehen lernen
  • Sich ein besserer Freund werden
  • Unsere Vielfalt wertschätzen lernen

Mehr wissen von sich selbst – auch als AkteurIn

Wie schon erwähnt, „Zurück zu den Anfängen“ könnte wie Ursachenforschung in der Vergangenheit klingen, und das ist es auch oft. Aber da gibt es noch mehr, und darin liegt der Kern von Akong Rinpoches „Therapie“: Ich erkenne mich selbst wie ich geworden bin, aber auch in meinem eigenen Tun und Gestalten.

Wer unumstößlich überzeugt ist, nur und ausschliesslich die Umstände hätten sie zu dem gemacht, was sie heute sind und erleiden, macht sich unfrei, nimmt sich Handlungsmöglichkeiten. Die Idee von „Zurück zu den Anfängen“ ist, unser Potenzial und unsere Möglichkeiten zu entdecken. Unsere Selbstwirksamkeit. Vielleicht waren wir zu einer bestimmten Zeit hilflos. Aber jetzt haben wir andere Möglichkeiten, und wir entdecken ein Potenzial, das wir wirksam werden lassen können.

Sich selber ein besserer Freund werden – als Grundgefühl

Wir lernen uns besser kennen, auch in dem was geschah und wir vergessen haben. Die äußeren Ereignisse, auch die vergessenen und verdrängten. Aber das ist nur ein Teil. Wir entdecken auch, wie wir mit uns selbst und mit anderen umgehen. Wie wir Entscheidungen treffen. Was wir für ein Mensch sind – wenn wir dieser Betrachtung nicht länger ständig ausweichen durch Ablenkung.

Man könnte meinen, das sei Selbstquälerei ist, besonders wenn wir auch Schlimmes erlebt haben. Aber die Art, wie wir das tun, die spezifische Struktur dieser Arbeit, verhindert das. Wir werden entdecken, dass wir auch anderes erlebt haben. Ganz viel ganz Normales. Ein Grundgewebe von Leben, das wir alle haben.

Man könnte andererseits meinen, dies sei Nabelschau, Selbstbeweihräucherung. Aber das funktioniert in dieser Arbeit nicht. Ein gekünsteltes Bild über sich selbst aufrechtzuerhalten klappt nicht über mehrere Monate des Hinschauens hinweg. Andere Erkenntnisse werden sich aufdrängen.

Am Ende tritt eine Normalisierung ein. Wir werden uns selbst ein besserer Freund. Ja, das war. Ja, so war ich. Ja, so bin ich. Okay. Und was jetzt?

Dieses „was jetzt“ steht am Ende dieses Prozesses. Eine neue Bereitschaft, sich auf neue Richtungen im Leben einzulassen. Tara Rokpa bietet auch Wege für diese Fortsetzung. Aber man könnte hier auch aufhören, und Künstlerin, Musikerin, oder Steuerprüferin werden. Was man eben in sich entdeckt hat.

Unsere Vielfalt schätzen, aushalten und wertschätzen lernen

Die eigene Vielfältigkeit in all ihrer Widersprüchlichkeit ist eine Herausforderung. Das bisher Vernachlässigte würdigen und einbeziehen. Das Ungeliebte, wie auch das Alltägliche, Normale, Banale  als Teil seiner Selbst anzuerkennen. Nicht nur eine Geschichte haben! („The danger of a single story“). Sondern viele Geschichten. Auch widersprüchliche.

Do I contradict myself?
Very well then I contradict myself,
(I am large, I contain multitudes.)

Ich widerspreche mir selbst?
Nun gut, ich widerspreche mir selbst.
(Ich bin weiträumig, ich enthalte Vielheiten).

„Song of Myself“, Walt Whitman (1819-1892)

(Und jetzt auch ein Lied von Bob Dylan (2020))

 

Das Ergebnis: Frische und Neugierde

Aus alledem resultiert ein frischer Wind in unserer Beziehung zu uns selbst. Wir gehen dreimal dahin zurück, wo alles frisch und neu war. Wo unser Bild der Welt noch nicht so geronnen und verfestigt war wie heute. Wo das Leben noch voller Möglichkeiten schien. Dieses Zurück zu den Anfängen ist auch ein Zurück zu einer Offenheit für neue Erfahrungen, neuen Entwicklungen gegenüber.

Und dann kann das kommen, was ich eingangs erwähnte: Wir beginnen da, wo wir sind. Und dann, dann fügen wir etwas Neues hinzu.

Teil 2 .. und finde Freunde

Nun zum zweiten Teil meines ursprünglichen Vortragstitels: Lerne dich kennen und finde Freunde.

Zuerst werden wir uns selbst ein besserer Freund. Darüber habe ich gerade gesprochen. Das macht uns fast automatisch auch zu einem besseren Freund für andere.

Das „…und finde Freunde“ ist einerseits ganz platt so gemeint wie es dasteht: Wer Tara Rokpa als Gruppenprozess macht, findet Freunde. Vielleicht werden sie keine besten Freunde, dafür sind es aber viele, und unterschiedliche. Und das Beziehungsgewebe, das daraus entsteht, kann erstaunlich langlebig sein: Bei vielen besteht es noch nach 30 Jahren.

Viel hilft viel

In den Sozialwissenschaften gibt es seit längerem eine Theorie, die die Wichtigkeit auch schwacher Bindungen, oberflächlicher Kontakte und Gelegenheits-Bekanntschaften betont, die sogenannten „weak ties“ (Mark Granovetter 1973). Wenn es um ein glückliches, gesundes Leben geht, sei die Breite unseres „sozialen Portfolios“ so wichtig wie unsere engen und tiefen Bindungen, bekräftigt eine aktuelle, große Studie (Collins et al 2022). Der „Guardian“ formuliert es knallig: „Deine Ehe ist nicht so wichtig – wenn du wirklich glücklich sein willst, dann verbringe mehr Zeit mit fremden Menschen“.

„Soziales Portfolio“ klingt kalt. Ein besseres und umfassenderes Wort ist „Gewebe“. Es mag ja glückliche, erfüllte Einsiedler geben. Aber für die meisten von uns braucht ein gutes Leben ein Gewebe, in dem wir eingebunden sind. Eine Textur, ein Netz. Übrigens ist „Gewebe“ die eigentliche Wortbedeutung von Tantra, wie z.B. in tantrischer Buddhismus.

Teil eines Gewebes zu sein – das sind wir ja ohnehin. Auf allen Ebenen, im Universum, in der biologischen Welt, in der menschlichen Lebenswelt. Aber wenn wir aktiv noch ein bißchen nachhelfen, „ja“ dazu sagen, statt bloß „muss ja“, kann unser Leben entspannter, glücklicher und hilfreicher sein.

Akong Rinpoche, mit seinem Hintergrund im Mahayana-Buddhismus, sprach viel von Mitgefühl. Als offizieller Vertreter von Tara Rokpa müßte ich das Wort quasi ständig im Mund führen. Aber ich habe Zweifel, ob das deutsche Wort die ganze Vorstellung transportiert, worum es geht. Es schwingen da in unserer Kultur viele ablenkende Assoziationen mit.

Aber Akong Rinpoche hat es auch anders und vielleicht zugänglicher formuliert: als Freundlichkeit, ja als Freundschaft. Dabei sah er Freundschaft nicht als einen exklusiven Club, dass wir einen Kreis von guten Freunden haben. In seinem Verständnis ist Freundschaft eine Grundhaltung der Welt gegenüber:
Allen ein guter Freund sein.
Oder zumindest die grundlegende Bereitschaft dazu entwickeln.

 

Freundschaft in der Blauen Zone

Ich muss dabei an eine Geschichte aus der Langlebensforschung denken. Dort geht es ja auch um die Frage, wie ein gutes Leben aussieht, unter der Annahme, dass sich das auch in einer hohen Lebenserwartung niederschlägt.

Es gibt eine Gegend in Sardinien namens Ogliastra, die gehört zu den fünf sogenannten blue zones auf der Welt, wo es auffallend mehr gesunde alte Menschen gibt als sonstwo. In der Region Ogliastra gibt es die höchste Zahl an Hundertjährigen in ganz Italien. Speziell leben dort die ältesten Männer weltweit.

Wie immer gibt es zahllose Erklärungen dafür. Genetik, Ernährung, Lebensstil usw. Aber diese Erklärungen gelten für viele andere Gegenden auch. Irgendetwas weiteres muss es dort geben.

Die interessanteste Erklärung, die ich hörte, ist die: Menschen sind dort viel zusammen, und zwar nicht nur, wenn sie eng verwandt sind. Es hat nicht einmal etwas damit zu tun, ob sie sich besonders leiden können. Eine Forscherin beobachtete: Es gab dort einen alten Mann, der ein richtiges Ekel war. Die anderen und jüngeren haben sich genauso um ihn gekümmert. Darin scheint mir das Geheimnis zu liegen. Ein anderer Autor beschreibt es als: „Lachen mit Freunden“. Die Männer in Ogliastra sind berüchtigt für ihren boshaften Sinn für Humor. Sie treffen sich jeden Nachmittag auf der Strasse, um gemeinsam und übereinander zu lachen.

Getrenntheit und Freundschaft

Foto: NDR

Die französische existentialistische Schriftstellerin Simone de Beauvoir sah es so:
„Die anderen sind getrennt von mir, aber sie sind genau wie ich: Wir sind hier auf die Erde geworfen, sie versuchen wie ich irgendwie durchs Leben zu steuern, und wir sind der Kontext für die Existenz des anderen. Freundschaft ist der Weg, unsere tragische Getrenntheit zu überwinden. Wenn wir aufhören, die anderen beherrschen zu wollen, und unser Gefühl für unsere eigene Wichtigkeit aufgeben, öffnen sich Möglichkeiten (…) und die Bewegung hin zu einer authentischen ethischen Haltung.“ (Zusammengefasst und gekürzt aus: Simone de Beauvoir on Friendship (Cleary 2022).

Tara Rokpa will uns helfen, in diesem Sinne Freunde zu sein – ob mit oder boshaftem Humor, ob mit oder auch ohne Begeisterung – dafür mit Selbstverständlichkeit.

 

Teil 3: Etwas Neues hinzufügen

Wer nach „Zurück zu den Anfängen“ mit der Tara Rokpa-Methode weitermachen möchte, begegnet weiteren Phasen und Angeboten (siehe hier auf dieser Website).

Akong Rinpoche: Den Tiger zähmen (Header)Die zweite Phase heißt „Den Tiger zähmen“ nach dem gleichnamigen Buch von Akong Rinpoche.
Dazu wird meine Kollegin Claudia Wellnitz in dieser Reihe am 12. Jan. 2023 ausführlicher sprechen.

Wenn wir uns kennenlernen, dann haben wir vielleicht gemerkt, dass es oft unsere eigenen Emotionen und Haltungen sind, die uns unglücklicher und unzufriedener machen, als es sein müsste. Manchmal sind unsere Reaktionen nicht hilfreich, oder gar zerstörerisch. Dann toben sie wie ein wilder Tiger durch unser Leben.

Das ist aber nicht ewig und unveränderlich! In den letzten Jahrhunderten hat sich bei uns im Westen die Überzeugung festgesetzt, das der Mensch im Grunde feindselig und aggressiv ist, durch Staat und Autoritäten gezähmt werden muss. „Homo homini lupus“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wie es der einflussreiche englische Philosoph und Staatstheoretiker Thomas Hobbes vertrat. Aus der Sicht des Mahayana-Buddhismus ist die Feindseligkeit aber bloß eine „Verdunklung“, eine akzidentelle Verunreinigung. Sie entspricht nicht dem wahren Wesen des Menschen. Was sich nun auch zunehmend historisch und wissenschaftlich zu bestätigen scheint, siehe das aktuelle Buch von Rutger Bregmann (2021) Im Grunde gut.

Das Übungsprogramm „Den Tiger zähmen“ hilft uns, die wilden Emotionen zu zähmen, aber auch die zugrundeliegende Energie und Schönheit und unser menschliches Potenzial für Weisheit und Mitgefühl zur Entfaltung zu bringen.

Auf diesem realistischen Menschenbild basieren auch die folgenden Phasen, Sechs Lichter, Sechs Bereiche, und Mitgefühl.

Wir arbeiten mit Imagination von Farben und dem Klang von Mantra-Silben, beschäftigen uns mit den Sechs Paramitas, den transzendenten Tugenden des Mahayana-Buddhismus; dem Boddhisattva des Mitgefühls und seiner Meditation; und besonders dem berühmten „Geistestraining in Sieben Punkten“.

Es ist offenkundig: In diesen späteren Phasen arbeitet Tara Rokpa zunehmend mit Themen und Methoden des Buddhismus. Aber unsere Arbeit hat nichts mit einer Religionszugehörigkeit zu tun. Es bleibt ganz konkret und lebenspraktisch, vor allem im erwähnten „Geistestraining“. Wir gehen realistisch an uns und die Vorgänge in der Welt heran. Wir nehmen die Anregungen des Buddhismus ernst, in eine weitere Schicht dahinter zu schauen. Was uns treibt, was die anderen treibt, welche Welten daraus entstehen. Und was unsere eigene Antwort und Haltung dazu sein kann: Letztlich eine radikale Transformation.

Zuviel oder zuwenig Buddhismus?

Für Menschen, die sich zum ersten Mal mit Tara Rokpa beschäftigen, ist es an dieser Stelle oft entweder zu viel oder zu wenig. Die einen kommen, weil der Buddhismus bei Tara Rokpa nicht im Vordergrund ist; die anderen gerade, weil Tara Rokpa aus dem Buddhismus kommt. (Wie gesagt: Wir lieben die Vielfalt und die Widersprüchlichkeit!)

Wieviel traditioneller Buddhismus wirklich in Tara Rokpa steckt, ist so nicht zu sagen – es gibt kein Maß, keinen Vergleichsmaßstab. Und was ist überhaupt Buddhismus? Es gibt unzählige Buddhismen, die sehr verschieden sind voneinander.

Es kommt auf die Ebene an: Vertikale Vieldeutigkeit

Hier kommen wir wieder zum Thema Vielfältigkeit. Wir sprachen darüber, wie unterschiedlich man „Selbsterkenntnis“ verstehen kann. Ein berühmter Satz von Dōgen Zenji (1200-1253), einem großen Lehrer des japanischen Zen-Buddhismus, lautet:

Den Weg des Buddha zu studieren heißt sich selbst zu studieren. (Dōgen, Genjōkōan)

Dieser Satz ist unnachahmlich vieldeutig. Er durchzieht viele verschiedene Schichten möglicher Bedeutung und menschlicher Entwicklung. Und in diesem Sinne sind bei Tara Rokpa die Methoden und Übungen vieldeutig, nicht festgelegt.

Als Beispiel einige Grundthemen im Mahayana-Buddhismus, die wir „vertikal vieldeutig“ nennen könnten:

  • Raum, Offenheit, Leerheit
  • Interdependenz, Entstehen in Abhängigkeit, Resonanz
  • Mitgefühl durch Austausch: Sich in andere hinein zu versetzen; oder wenigstens (wie Simone de Beauvoir sagt) sich selber nicht so wichtig nehmen.

Je nach Deutungstiefe haben diese ur-buddhistischen Themen Relevanz auch für die therapeutische Ebene und für ein gutes Leben im Alltag.

Umgekehrt sind scheinbar therapeutische Themen auf einer anderen Ebene plötzlich eminent buddhistische Themen. Vorher habe ich vier therapeutische Themen genannt, die bei Tara Rokpa eine besondere Rolle spielen: Selbstakzeptanz, Selbsteffizienz, Sinn und Identität, Ruhe und Gelassenheit.

Wenn wir diese vier als buddhistische Themen sehen, dann werden sie zu den „Vier Unermesslichen Geisteshaltungen“: Liebe, Mitgefühl, Mitfreude am höheren Glück, Gleichmut.

  • Selbstakzeptanz wird zur Liebe uns selbst und anderen gegenüber
  • Selbstwirksamkeit speist sich aus Mitgefühl: Wir können etwas tun für uns selbst und andere
  • Sinn und Identität in unserem Leben entstehen aus der Erfahrung unseres inneren Potenzials (statt einer Zuordnung zu Kästchen und Schubladen)
  • Gelassenheit wird zu Gleichmut und Unparteilichkeit

Gleichmut, nicht Gleichgültigkeit

Gleichmut ist leicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Es geht jedoch nicht darum, dass einem alles egal ist. In der tibetischen Version des Gleichmuts-Wunsches heißt es auch: Unparteilichkeit, Gleichbehandlung und Einschliessung aller.

Im Deutschen stammt das „-mut“ von muot, Gemüt. Ein gleichmäßiges Gemüt. Interessant sind andere Worte mit „-mut“: Demut, Anmut, Edelmut, Freimut, Langmut, Sanftmut. Aber wir können auch den Gleichklang mit „Mut“ aufgreifen: Die Schweizer Meditationslehrerin Ursula Flückiger sagt, Gleichmut sei „mit allem gleich mutig bleiben“.

In der Meditationsforschung wird „Gleichmut“ zunehmend als bisher vernachlässigte Zielvariable untersucht (Desbordes et al. 2014).

Dennoch kommt oft die Frage: Ist das nicht zu nabelschauerisch? Ist eine solche innere Auseinandersetzung zu persönlich, zu individuell?

Das Persönliche ist politisch

Der kraftvolle Satz aus der frühen Frauenbewegung, „Das Persönliche ist politisch“ können wir auch im Positiven verstehen. Nicht nur, was an Unterdrückung im privaten Bereich passiert ist politisch. Das war und ist wichtig! Aber auch was an Befreiung, an lebendig werden, an wirksam und freundschaftlich werden im Persönlichen passiert ist politisch. Uns selbst kennenlernen, wachsen, reifen, ist allgemein – weil wir Teil eines Geflechts sind. Weil Resonanz entsteht, weil viele den Wunsch nach einer anderen Art der Weltbeziehung haben (H. Rosa 2022). Weil wir die selbsterfüllenden Prophezeihungen über den Menschen verändern können (Bregmann 2021).

Darüber hinaus im gängigen Sinne aktiv zu werden ist unbenommen!

Schluss

Ich hoffe, es ist etwas klarer geworden, dass die Unklarheit wichtig ist bei Tara Rokpa 🙂 .

Dass es am Anfang nicht so leicht ist zu verstehen, was wir machen und was das soll, das liegt an der Breite der individuellen Möglichkeiten. Wie jemand die Methoden nutzt, auf welcher Ebene, und wann sie die Ebenen wechseln, das ist im besten Sinne unbestimmt – wir bestimmen es nicht für unsere TeilnehmerInnen. Wir setzen auf die Vielfalt der individuellen Entwicklung, auch wenn diese mögliche Vielfalt manchmal etwas unsicher macht. Dafür sind wir dann als Methode da, als Gruppe von AnleiterInnen, als Gemeinschaft von Übenden. In die Sie gerne eingeladen sind!

[Beitragsbild: Ficre Ghebreyesus, City with a River Running Through, 2011 (Ausschnittsfoto von U.K.), gezeigt auf der Biennale Venedig 2022]